selbst e.V.
Unsere Feier zum fünfjährigen Bestehen
im Juli 2005















Frankfurter Neue Presse
Printausgabe vom 21.07.2005
Verein gibt Tipps
für den
Umgang mit Pflegekräften
Nordweststadt. Sie ist Seniorin,
pflegebedürftig und
stellt doch voll im Arbeitsleben: Vera Hirmer,
querschnittsgelähmt und auf
ständige Hilfe angewiesen, managt als Arbeitgeberin ihre eigene
Versorgung,
findet sogar noch Zeit, um einen Praunheimer Stammtisch für
Schwerstbehinderte
zu
organisieren. Dass die Rekrutierung der Helfer und der Kampf mit der
Bürokratie klappt, verdankt
Frau Hirmer der Hilfe des Vereins «Selbst», der in
diesem Jahr sein fünfjähriges Bestehen feiert.
Grund genug nicht nur für
Betroffene und Angehörige aus dem Nordwesten, in einer
Podiumsdiskussion
im
Titusforum Bilanz zu ziehen und Perspektiven für die Zukunft
aufzuzeigen.
Ein Resümee zog Claus Fussek,
Gastredner von der Vereinigung
Integrationsförderung in München:
«Die ambulante Betreuung muss ihre
gesetzliche Priorität vor der Unterbringung in einem Heim
behalten.
Doch für
die Pflegedienste hat sich ein eigener Arbeitsmarkt mit
wirtschaftlichen
Gesetzmäßigkeiten gebildet.
» In diesem Markt müssten auch Organisationen zur
Eigeninitiative wie «Selbst» bestehen, was einen offenen
und ehrlichen Umgang
mit der Kostenfrage der Pflege und der Herkunft und Qualifikation der
Pfleger
voraussetze.
«Unsere zentrale Aufgabe wird dabei bleiben, die Schwarzarbeit
aus
unserer Pflege fern zu halten», erklärte
Selbst-Mitarbeiterin Stella ter Jung.
Was entsprechende bindende Vereinbarungen mit den Behinderten
voraussetze,
die
ihrerseits als Arbeitgeber ihrer Pflegekräfte auftreten.
Genau
mit diesem Ziel der Hilfe zur Selbsthilfe hat sich der Verein, der
derzeit 43 Kunden und 5 Mitarbeiter zählt,
vor fünf Jahren gegründet, steht in
enger Kooperation mit dem Sozialamt Frankfurt und dem Hessischen
Regionalverband.
Das Ziel: Der Pflegebedürftige verlässt sich nicht mehr auf
die zentrale
Zuteilung durch die Verwaltung ambulanter
Pflegedienste, sondern organisiert
seine Pflege selbst und erlangt dadurch ein höheres Maß an
Flexibilität und
Mobilität.
Die Kosten, die bei einer aufwendigen Rundumbetreuung schon mal 10 000
Euro und
mehr betragen können,
rechnet der Pflegebedürftige mit dem Sozialamt ab. In
diesen Punkten leistet der Verein Hilfestellung.
Dafür bestimmt der
Pflegebedürftige als Arbeitgeber die Regeln, trägt aber auch
die Verantwortung
für
eine faire Behandlung und Entlohnung seiner Hilfskräfte.
«Das bedeutet schon mehr Zeitaufwand und Belastung»,
meldete sich der
Pflegebedürftige Holger Schulze von «Selbst» zu
Wort. «Trotzdem, ich möchte
nicht mehr meine Leute von einem Pflegedienst zugeteilt bekommen, oft
ohne
Rücksicht auf
individuelle Bedürfnisse.» Zumal Schulze als
Erwerbstätiger durch
einen Autofahrer mobil sein müsse.
Vera Hirmer muss, um ihren Tag zu gestalten, fünf
Pflegekräfte mit geregeltem
Dienstplan einsetzen: «Das funktioniert in
drei Schichten morgens, nachmittags
und abends. Wichtig ist, dass die Entlohnung auch in steuerlicher und
versicherungstechnischer Hinsicht korrekt ist.»
«Es war in Frankfurt ein Problem, dass viele der Helfer nicht
richtig
sozialversichert waren», räumte Stella ter Jung ein.
«Selbst» achte darauf,
dass keine Honorarkräfte eingesetzt würden, Minimum sei eine
vertraglich
geregelte Arbeit auf
400-Euro-Basis mit ausreichender Freizeit. Flexibler
verhalte man sich bei der fachliche Qualifikation: So sind bei
«Selbst» 80
Prozent der Helfer nicht beruflich als Pflegekraft ausgebildet, werden
aber
entsprechend fachlich eingewiesen.
«Wichtig sind regelmäßige Schulungen der
Helfer», betonte Holger Frewert vom «Zentrum Selbstbestimmt
Leben» Kassel.
«Stimmen gewisse Rahmenbedingungen nicht, so dass entsprechende
osteuropäische
Kräfte zum Einsatz kommen, ist das
ein Bankrott unserer Pflege», betonte
Fussek.
Einig war man sich, dass Initiativen wie die von «Selbst»
bundesweit eine
kleine Zahl eigenverantwortlicher Schwerstbehinderte
ansprechen, meist in
Großstädten mit entsprechend vielfältigem Angebot.
Allerdings nur, wenn sich
die Betroffenen für ihr
verankertes Recht auf ambulante Betreuung einsetzen,
dabei nicht nur als Kostenfaktoren wahrgenommen werden.
«Schwerbehinderte
Arbeitgeber müssen schon gestandene Persönlichkeiten
sein», betonte Fussek.
(got)